Wir schreiben den 19. Juli 1909. Es ist früh am Morgen und Herr Hüttig ist gerade auf dem Weg zur Porstendorfer Holzschleiferei. Plötzlich hält er inne, als er, nahe der Schleiferei, von der Brücke aus Menschen sieht, die Tonnen von stinkenden Sachen aus dem eisernen Rechen herausfischten und aus der Saale warfen. Nein, nicht die üblichen Stöcke oder Schwemmhölzer - es waren Fische, massenweise tote Fische. Herr Hüttig ging nun auch zu den Arbeitern und half mit, die 25-30cm langen Barmen und Zärten aus dem Wasser zu tragen. Der Saalestrand entwickelte sich allmählich zum Massengrab. Immer wieder traf man zwischen den leblosen Kadavern noch lebende Fische an, von denen sich Herr Hüttig auch welche zum gemeinsamen Verzehr für seine Familie mitnahm. Zwar machte ihn der permanente Geruch von Gas und Ammoniak an den Fischen und in der ganzen Umgebung etwas stutzig, aber zum gegebenen Zeitpunkt dachte sich niemand so richtig etwas dabei. Nach dem Ausschlachten und Kochen probierte Besagter von den Fischen und musste feststellen, dass die Fische nicht nur nach Gas rochen, sondern auch ungenießbar danach schmeckten. Natürlich stellten sich ihm schon bald einige Fragen:
Weshalb der Gasgeruch, wurde doch in der gesamten Schleiferei kein Gas verbrannt? Woher kommen die vielen toten Fische? Was hat den Tod dieser verursacht? Sind wir die einzig betroffene Region?
Herr Hüttig ging davon aus, dass die Fische zwischen der Kunitzer Mühle und der Porstendorfer Schleiferei noch gelebt haben. Bei dem damals niedrigen Wasserstand der Saale wären sie nicht über das Kunitzer Wehr gekommen, da dieses praktisch völlig trocken war. Hinterher wurde zudem festgestellt, dass die gesamte Strecke von Jena bis Dornburg betroffen war. Bald stellte sich auch heraus, dass die Jenaer Gasanstalt das Wasser eines alten Gasometers an zwei Stellen in die Saale eingeleitet hatte, in die Mühllache und den Kanal. Insgesamt fanden ca. 95 Zentner Weißfische bei diesem Fischsterben ihren Tod: Was die fast gänzliche Vernichtung der Fischerei, in der Saale und den Mühllachen zur Folge hatte.
Dorothea & Saskia
Quellen: Stadtarchiv, B Ivb-89; Umweltamt Jena