Jenaische Zeitung
Mai 1931

Oh, diese Hitze

5 Tage strahlt die Sonne nun schon vom strahlend blauen Himmel herab. Die Temperaturen, die gegen Abend sinken und eine wohlige Kühle bringen, steigen am Vormittag schnell wieder hoch und eine neue Flutwelle wälzt sich über die Stadt und das Land. Vom ersten Feiertag an bewegt sich die Kurve der Temperaturen mittags um 2 Uhr meist über 30 Grad. Am Pfingstsonntag waren es 30,6°, Pfingstmontag 26,6°, Dienstag 32° und Mittwoch 31,2°! Auch der Wind bringt keine Erleichterung. Er ist so voll Schwüle, daß er sich wie ein schwerer Druck auf die Lungen legt.
Die einzige Rettung ist jetzt ein kaltes Bad. Kein Wunder, daß unsere Badeanstalten Rekordbesuche aufzuweisen haben, wie sie in dieser Höhe im Mai wohl noch nie zu verzeichnen gewesen sind. Die Wasserwärme steigt jedoch ebenfalls stark und das Wasser fängt an, lauwarm zu werden. Das ist bald auch schon kein Genuss mehr.

Die Menschen fangen langsam an, Sehnsucht nach afrikanischer Bekleidung zu bekommen. Auf den Straßen begegnet man jetzt vielen, die mit zuckerrotem Gesicht, Schweißperlen wischend, herumlaufen. Die Herren der Schöpfung sind bei dieser Hitze am schlimmsten dran. Sie müssen immer noch traditionsgemäß mit Kragen und Schlips und in möglichst geschlossener Bekleidung auftreten. Wenigstens ist der Strohhut seligen Angedenkens verschwunden. Nur vereinzelt taucht noch eine "Butterblume" auf, die ihrem Träger die natürliche Beschattung seines Hauptes ersetzen soll. Auch der Rock, dieser fast undurchlässige Wärmebehälter, wird von den Herren schon immer mehr abgetan. Jedoch zeigt sich in diesem Falle eine bei der Männerwelt im allgemeinen vorhandene Schüchternheit. Man traut sich noch nicht so recht.

Da ist das weibliche Geschlecht von weniger starken Hemmungen geplagt. Oder sollte bei ihnen mehr die Eitelkeit als die Zweckmäßigkeit die treibende Kraft sein?! Nun - sei es wie es wolle. Hauptsache ist, daß die leichten, luftigen und meist auch duftigen Sommerkleidchen (man muß hier schon die Koseform anwenden) eine heitere Note in das Straßenbild hineintragen und - auch die entsprechende (gewollte und bezweckte ?!) Beachtung finden.

So hat die Hitze auch ihre angenehmen Begleiterscheinungen.